ALLTAGS-EXPERIMENT: Es bleibt nichts mehr zu tun, außer „danke“ zu sagen …

13:00


In den letzten Monaten hat Amerika nicht gerade mit positiven Schlagzeilen von sich reden gemacht. Wahlkampf, Weltuntergangsstimmung und Black Friday – fragwürdige Dinge sind über den Atlantik zu uns herübergeschwappt. Da geraten die schönen Bräuche aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten schnell in Vergessenheit; höchste Zeit, dass wir über Thanksgiving sprechen. 

Immer am vierten Donnerstag im November feiern die Amerikaner das Fest der Danksagung. Angelehnt an Elemente aus dem Pionierleben der Pilgerväter, steht das Fest unter dem Zeichen des familiären Beisammenseins an einem gutgedeckten Tisch. Nun könnte man meinen, dass Weihnachten in der Ausführung prinzipiell das Gleiche in gold und rot sei. Glanz und Gloria haben wir genug - Wer braucht da noch Thanksgiving? Ich glaube, wir alle! Denn die Kernbotschaft von Thanksgiving ist: Wir sind dankbar! Findet dieses Gefühl in der stressigen Vorweihnachtszeit in unserem Kulturkreis genug Beachtung?

Wer sich nur ein wenig mit der Kraft der Gedanken beschäftigt, stößt schnell auf den Begriff „Gratitude“. Seien es das „Gratitude Journal“, der „Gratitude Rock“ oder die „Gratitude Meditation“ – Übungen der Dankbarkeit werden als Schlüssel zum inneren Glück gepriesen. Dabei sind die fremdklingenden Bezeichnungen Wasser auf die Mühlen der Kritiker, die diese Aufgaben als New Age Hokuspokus abtun. Aber letztendlich zahlt jede Übung auf eine übergreifende Formel ein: Fühle dich dankbar und dein Leben wird immer mehr Quellen der Dankbarkeit für dich bereit halten.


Für alle, die darin nur leere Worthülsen sehen, lohnt sich ein Blick auf das menschliche Gehirn. Was mit jedem Atemzug im Inneren unseres Schädels geschieht, ist ein wahres Wunder der Natur. Gehirnzellen kommunizieren im Nanosekundentakt, in dem sie ankommende elektrische Impulse interpretieren und gegebenenfalls mittels Ausstoß von chemischen Botenstoffen (Neurotransmitter) an die nächste Zelle weitergeben.

Wiederholte neurale Aktivität schlägt sich in der Struktur des Gehirns nieder. Das System ist ist wie eine Trampelpfad: Je häufiger der Weg gegangen wird, desto breiter und fester wird er. Wissenschaftliche Ergebnisse zu dem Thema lassen sich unter dem Begriff „neurale Plastizität“ zusammenfassen. Vereinfacht gesagt bedeutet dies, dass unser Gehirn sich bis ins hohe Alter entwickelt und umstrukturieren lässt. Der Effekt der neuralen Plastizität wird zum Beispiel deutlich, wenn wir eine neue Sprache lernen, eine neue Sportart ausüben oder uns neue Rituale und Gewohnheiten aneignen.

Das Gehirn lässt sich mit einem Computer vergleichen, dem jeden Tag neue Programme aufgespielt werden. Dies gilt jedoch sowohl für Software-Updates, als auch für Viren. Denn das menschliche Gehirn unterscheidet bei seiner Restrukturierung nicht zwischen gut und böse. Ganz im Gegenteil – negative Gedanken manifestieren sich schneller in der Psyche, als ihre positiven Verwandten. Energy flows where attention goes – zu Deutsch: Die Energie folgt der Aufmerksamkeit oder auch - die Gedanken, denen du am meisten Aufmerksamkeit schenkst, formen dein Gehirn.


Kommen wir also zurück zu der Vorweihnachtszeit. Welche Gedanken gehen dir in letzter Zeit durch den Kopf? Haben wir da ein bisschen Stress à la „Wie soll ich das alles noch schaffen“? Oder eher Frustration vom Typ: „Was denken die denn, wer Zeit für diesen Krempel hat“? Lästert man schon auf dem Weg zur Familie im Auto eine Runde über alle, die einem später bei Gans und Klößen gegenübersitzen? Hakt man in einer Müdigkeits-Trance seine scheinbar endlose To-Do-Liste aus selbstauferlegten Verpflichtungen ab? Hat man noch Freude am Dezember?

Versteht mich nicht falsch. Das Prinzip der Dankbarkeit ist manchmal nicht leicht – genauso wie das Leben nicht immer leicht ist. Das Gute ist jedoch, dass Gefühle eine enorme Kraft haben und die Dinge verändern können. Wenn dir nichts einfällt, wofür du im jetzigen Moment dankbar sein kannst, kannst du dich an schöne Augenblicke oder geliebte Personen zurückerinnern. Nach und nach wird die Dankbarkeit aus der Konserve durch positive Erlebnisse im Hier und Jetzt ersetzt.

Stell dir eine Gruppe von kleinen Arbeitermännchen im Gehirn vor, die beginnen, eine Betonmischmaschine anzuwerfen, ihre Spaten zusammenzusuchen und die Plane vom Bagger in der Garage zu ziehen. Wenn morgens beim Aufwachen deine ersten Gedanken drei Dingen gelten, für die du heute besonders dankbar bist, dann fallen bei deinen Arbeitermännchen im Gehirn Pflastersteine vom Himmel. Stein für Stein wird aus dem Trampelpfand der positiven, dankbaren Gedanken eine solide Straße.

Bei der neuralen Plastizität gilt das Prinzip von „Use it or lose it“. Wenn die ersten Gehirnzellen anfangen über deine neue Prachtstraße der Dankbarkeit zu rollen, du dir aber nach drei Wochen denkst: Experiment beendet – es ist wieder an der Zeit, die Ich-Hasse-Mein-Stressiges-Leben-Allee zu nutzen, dann wird deine neue Prachtstraße zuwuchern. Umdenken erfordert demnach Disziplin – nicht nur am Anfang, sondern in Zeiten der Aufruhr jeden Tag auf’s Neue. Aber wenn du es zwischen deinem vollen Terminkalender im Dezember schaffst, dein Herz offenzuhalten, dann wird der Rest des Jahres ein Klacks. 


Die Vorweihnachtszeit besteht nicht nur aus Lichterglanz und Engelslocken. Sie besteht aus Geschenkestress und enttäuschten Erwartungen; aus Familienzwist und einem erhöhten Arbeitspensum. Dankbarkeit heißt nicht, alles in Lametta einzuwickeln und dann zu rufen: „Guck, alles weg!“. Dankbarkeit heißt für mich vielmehr, einen Mistelzweig über den Geschenkestress zu hängen und zu sagen: Wie schön, dass ich im Moment täglich Kontakt zu meinen Geschwistern habe, damit wir zusammen für unsere Eltern ein passendes Präsent finden.
 In dem Sinne – genießt die Tage im Dezember, wo auch immer euch diese Worte erreichen. Weihnachten ist eine Zeit der Wunder, man muss sie nur im Alltag sehen.


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